Von wegen „Proll-Soap“

Hinweis: Im folgenden Text geht es um die mediale Darstellung von Gewalt, insbesondere gegen Frauen.
In den Feuilletons werden Reality-Soaps entweder ignoriert oder belächelt. „Einfalls- und geschmacklos“, schrieb „Spiegel Online“ über „Berlin – Tag & Nacht“, die „Süddeutsche Zeitung“ konstatierte erst „Proll-Soap“ und legte wenig später nach: „Die Dialoge gruselig, die Darsteller unterirdisch, die Handlung lebensfremd.“
Über diese Kolumne
Wir schreiben meistens dann über Medien, wenn Fehler passieren oder etwas schiefläuft. Diese Kolumne ist für Lob reserviert. Ist Ihnen im Fernsehen, Internet, Radio oder in der Zeitung etwas aufgefallen, das Sie positiv überrascht hat? Schreiben Sie uns!
In der Reality-Soap, die seit 14 Jahren auf RTL Zwei läuft, spielen überwiegend Laiendarsteller:innen mit, es wird viel improvisiert. Lebensfremd ist das allerdings nicht. In BTN, wie Fans die Serie nennen, geht es um erste Dates, Beziehungspausen und Stress in der WG. Es kommen aber auch Themen vor, die im Vorabendprogramm sonst kaum auftauchen. Diese Zeit ist überwiegend für Schmunzelkrimis, Landarztserien, Quizshows und „perfekte Dinner“ reserviert. Gesellschaftskritisches oder Unbequemes wird da lieber ausgespart.
Serie mit großer Reichweite
„Berlin – Tag & Nacht“ scheint das nicht zu kümmern. Die Reality-Soap griff schon Themen wie Selbstverletzung, Totgeburt und sexualisierte Gewalt unter Männern auf. Zuletzt waren Figuren mit Catcalling, also Belästigung im öffentlichen Raum, konfrontiert und machten sich Gedanken über Konsens beim Sex.
In den vergangenen Wochen ging es um sogenannte „häusliche“, also Partnerschaftsgewalt, die meistens Männer an ihren (Ex-)Partnerinnen verüben. Im Februar eskalierte der Handlungsstrang um Anna und Lars Wagner (gespielt von Theres Eglinski und Alexander Neumann). Schon in den Folgen zuvor waren Annas Freundin Cleo (Jenny Bumaye) Verletzungen an Annas Hals und Unterarmen aufgefallen, die diese als „Schusseligkeit“ abtat. Annas blaues Auge machte es schließlich offensichtlich, dass ihr Mann sie geschlagen hatte.
„Berlin – Tag & Nacht“ ist eine der meistgestreamten Sendungen der Privatsender, über Kanäle wie Instagram, Tiktok, Youtube und eine App erreicht das Format vor allem junge Menschen. Man wolle „maximale Aufmerksamkeit“ für das Thema und hoffe, dass „Betroffene ermutigt werden, sich Hilfe zu suchen“, heißt es in einer Pressemitteilung von RTL Zwei.
Aus Perspektive des Opfers
Das ist erfreulich, aber auch die Art, wie die Sendung das Thema Partnerschaftsgewalt erzählt, ist ungewöhnlich. Denn anders als in vielen Fernsehproduktionen, in denen Gewalt gegen Frauen dargestellt wird, geht es hier um die Perspektive des Opfers und ihres Umfelds.
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Anna ringt über mehrere Folgen hinweg mit den Worten. Das mag rhetorisch nicht perfekt sein, manchmal sogar holprig, doch genau das macht es so echt, nachvollziehbar und zugänglich. Die Betroffene sucht zunächst die Schuld bei sich. Ihrem Mann sei „die Hand ausgerutscht“, erzählt sie ihrer Freundin. Er, der Polizist, habe „viel Stress bei der Arbeit“, das sei „seine Art, mit Konflikten umzugehen“, was habe sie auch staubsaugen müssen, wenn er „Ruhe haben will“, sie habe ihn also „provoziert“. Später, als sie einsieht, dass ihr Unrecht geschieht, hat sie Sorge, dass man ihr nicht glaubt, weil ihr Mann der angesehene Beamte ist.
Das entspricht – leider – oft der Realität und ist deshalb gut recherchiert. Viele Frauen, die Opfer von Partnerschaftsgewalt waren oder sind, dürften solche Gedanken kennen und sich damit identifizieren. Auch wenn klar ist, dass die Geschichte von Anna fiktiv ist, zeigen die Kommentare in Sozialen Medien, dass sich Frauen darin offenbar wiedererkennen. Unter einem Tiktok-Reel, in dem die Figur Anna ihren Zuschauerinnen rät, sich Hilfe zu suchen, berichten einige Userinnen, dass sie ähnliches erfahren haben.
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Im linearen Fernsehen und auf seinen Social-Media-Kanälen verwies „Berlin – Tag & Nacht“ auch auf das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“. Solche Hinweise fehlen in anderen Formaten häufig, wie eine von der MaLisa-Stiftung initiierte Studie zeigte.
Verzicht auf Voyeurismus
Die Soap begleitet Anna dabei, wie sie sich langsam öffnet und die Hilfe ihrer Freundinnen annimmt. Als Lars sie erneut angreift, wird die Gewalt nicht explizit zur Schau gestellt. In einer späteren Szene zeigt Anna ihre Verletzungen am Bauch ihren Freundinnen, aber nicht in die Kamera. Das sind Entscheidungen, von denen andere Film- und Serienmacher:innen noch lernen können. Denn gerade im klassischen Krimi wird Gewalt oft detailreich, gar voyeuristisch inszeniert – und das überwiegend aus Tätersicht.
„Berlin – Tag & Nacht“ würde das Publikum auch mit Sauna-Sex und Beziehungskrisen erreichen, die Serie nutzt ihre Reichweite aber, um auf ein wichtiges Thema aufmerksam zu machen. Dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend zufolge wird jede vierte Frau mindestens einmal Opfer körperlicher oder sexualisierter Gewalt durch ihren aktuellen oder früheren Partner. Jede vierte Frau, das bedeutet auch jede vierte Zuschauerin von „Berlin – Tag & Nacht“.
Die Autorin

Kathrin Hollmer arbeitet als freie Journalistin in München. Sie schreibt nicht nur über Filme und Serien, sondern diskutiert auch gern in Jurys darüber, insbesondere, wie Frauen und Diversität erzählt werden. Sie ist Vorsitzende der Nominierungskommission des Grimme-Preises für die Kategorie Fiktion. Für Übermedien hebt sie einmal im Monat Medien und Medienmacher:innen hervor, die ihrer Meinung nach ein Lob verdienen.
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